memory of eisenbart – letzte tage

Ortsspezifische Installation am letzten Gebäude auf der Baustelle der Europaallee

Den Namen für ihr Kunstprojekt mit dem programmatischen Titel Memory of Eisenbart entlehnte das Duo Efa Mühlethaler und Françoise Caraco dem Vorbesitzer des Büros, welches die Künstlerinnen heute als Atelier nutzen. Kein Held einer keltischen Saga stand also als Namensgeber Pate, sondern vielmehr ein unbekannter Gleismonteur der SBB. Die Beschäftigung mit Relikten und Hinterlassenschaften und deren Erinnerungsgehalt prägen denn auch die gemeinsame Arbeit der beiden Künstlerinnen.

An was werden wir uns erinnern, wenn dereinst die Überbauung an der Europaallee fertiggestellt sein wird und damit das jetzt noch stehende Haus entlang der Bahnlinie verdrängt hat. Noch steht das letzte Gebäude am Kopf des Strassenzugs, einst Dienstgebäude nun Atelier- und Veranstaltungsort, das auch Memory of Eisenbart während fast zwei Jahren Obdach bot. Doch das Ende ist besiegelt und rückt gnadenlos näher. Es sind die letzten Tage des Gebäudes und damit auch die letzten Tage dieses virulenten, lebhaften Kulturortes „Remise“ in Mitten der Stadt Zürich. Letzte Tage heisst die Arbeit, die Memory of Eisenbart nicht nur diesem Ort widmet sondern, vielmehr noch, welche die jüngere Geschichte dieses Ortes nochmals nachzeichnet.

In der live geschalteten und von diesem Ort ausgestrahlten Radiosendung wird aus gesammeltem Textmaterial eine Kartografie erstellt. Die Sendung ist eine fein verwobene Collage von Begebenheiten und Ereignissen verschiedener Akteurinnen und Akteuren dieses Ortes. Die architektonischen und letztlich manifesten Begrenzungen negierend, durchdringen Radiowellen Wände und Decken und nehmen in einem engen Perimeter vorweg, was in Kürze auch physisch Realität wird: Die Auflösung des Gebäudes. Mehrere Radioempfänger, die die nicht wahrnehmbaren Strahlen dekodieren und die ausgestrahlte Sendung empfangen, sind auf dem Gelände positioniert. So wird der Ort noch einmal begeh- und erlebbar, der Zuhörer lauscht den Stimmen des Hauses und hilft damit den Pool des kollektiven Gedächtnisses zum Gebäude und dessen Geschichte zu erweitern.

Mit Letzte Tage führen Efa Mühlethaler und Françoise Caraco ihre subjektiv dokumentarische Arbeitsweise fort, die sie bereits in früheren Ausstellungen erprobt und perfektioniert haben. Dabei verarbeiten sie Quellmaterial wie Zeitungsberichte, aus Archiven zusammengetragene Dokumente, eigene Architekturbeschreibungen, subjektive Zuschreibungen wie auch Vermutungen und gehörte Geschichten zu einem mehrschichtigen Gewebe. Auf diese Weise werden Orte und Gegenstände mit alten und neuen Geschichten aufgeladen. Die dadurch gesteigerte Aufmerksamkeit und der neue Glanz brennen sich als Erinnerungen in unser Gedächtnis ein. So wird es vielleicht nicht verwunderlich sein, wenn wir uns an die im Radio gehörten Geschichten des Dienstgebäudes erinnern werden – und dies längst nachdem diese Zwischennutzung verschwunden ist.

Text: Franz Krähenbühl

letzte tage

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